Yang Sheng - die Chinesische Philosophie des Dao道
Weil Gesundheit nicht nur eine rein körperliche Angelegenheit ist, sondern unsere Gedanken, unsere Lebenseinstellung letztlich unsere persönliche Lebensphilosophie einen großen Anteil daran haben, möchte ich noch kurz einen kleinen Abstecher in die Chinesische Philosophie des Dao道 machen. Sie bildet die Basis der Chinesischen Medizin.
Im Daoismus gibt es die Vorstellung einer universellen Gesetzmässigkeit, die für den Kosmos genauso gilt wie für den Menschen. Schließlich sind wir Menschen als Mikrokosmos in den Makrokosmos hinein geboren und sollten mit diesem in Einklang leben, um Unheil zu vermeiden.
So hatte der Chinesische Kaiser, um Unheil von seinem Volk abzuwenden zB diese Gesetze dahingehend zu huldigen, dass er sich immer in Nord-Süd Richtung positioniert hat. Auch sein Palast - „die verbotene Stadt“ - wurde in Nord-Süd Richtung gebaut. Das Gesicht zum Yang des Himmels, der Sonne, gerichtet, wandte sich der Herrscher zuerst nach links in den Osten in Richtung Sonnenaufgang, drehte er nach rechts, blickte er nach Westen zum Sonnenuntergang. Den kosmischen Gesetzen war somit genüge getan.
Chinesische Gelehrte waren Meister der Beobachtung, so beschrieben sie alle Naturphänomene wie den Tag/Nacht Rhythmus, Klimabedingungen, Himmelsbewegungen, den menschlichen Organismus, Krankheitsverläufe und teilten sie in die beiden Prinzipien Yang 阳 und Yin 阴 ein.
Yang - Sonnenseite eines Hügels und Yin - Schattenseite eines Hügels beschreiben zwei unterschiedliche Phänomene, die gleichzeitig vorhanden sind, frei nach dem Motto: „wo Sonne ist, da ist auch Schatten“. Sie existieren nicht wie im westlichen Denken entweder-oder, sondern und-auch, sie bedingen einander und wichtig: sie werden nicht als gut oder schlecht bewertet.
So wie ein (Yin) - und ausatmen (Yang) zwei unterschiedliche Bewegungen sind, lässt sich das Eine nicht ohne dem Anderen vorstellen, wir brauchen beides um zu überleben. Die beiden Bewegungen gehen fliessend ineinander über, sind in ständiger rhythmischer Wandlung.
Auch wir Menschen sind in ständiger Wandlung, vom Embryo über Kleinkind bis ins hohe Alter sind wir zwar immer die Selben und doch immer Andere. Wie der Fluss, der immer gleich aussieht, aber sein Wasser ist immer ein anderes.
Solange Leben lebt, ist es im Fluss, in Wandlung und sollte dabei nicht unnötig gestört werden. Dieser Gedanke wurde als „wu wei 无为“ bezeichnet. Er wird mit „nicht handeln“ übersetzt, was vielfach als faul in der Hängematte liegen missverstanden wird. Gemeint ist vielmehr „nicht eingreifen“ in die Gesetzmässigkeiten der Natur.
Wir Menschen greifen hingegen mit großem Elan ein, begradigen Flüsse, holzen Wälder ab, verunreinigen die Luft und rufen damit in Teilen der Welt Umweltkatastrophen hervor. Heute lernen wir daraus und bauen mit großem Aufwand Teile unserer zerstörten Umwelt wieder zurück in den ursprünglichen Zustand, wir renaturieren. Mit ein bisschen „wu wei“ hätten wir uns das erspart.
Wir greifen auch mit vielen Anstrengungen in unser eigenes Leben ein, wir müssen dies, wir sollten das noch, ….wollen uns ständig optimieren, trainieren, wir sind oft ziemlich gnadenlos im Umgang mit uns selbst.
Meine Patienten erinnere ich dann, dass selbst ein Spitzensportler nicht 365 Tage im Jahr Olympiagold gewinnen kann. Manchmal ist ein bisschen „wu wei“, ein bisschen heitere Gelassenheit , mehr auf sich achten, weniger Leistungsdruck, die passendere Lebensphilosophie.
Mit Zuversicht auf ein gelingendes Leben im freien Fluss des Qi, ganz im Sinne des Yang Sheng ist das Dao道, die passendere Lebensphilosophie.